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Uwe Nielsen - 40 Jahre Beat-Club
Parthas Verlag antiquarisch ca. €20,-
So, so you think you can tell it was fourty years ago today?
Etwas Vertrauen bitte, wir kennen uns ja nicht erst seit gestern. Der vorliegende Band erschien
2005, wurde 2015 (mit Titelanpassung) nachgedruckt und kurz vor dem nächsten Jubiläum wäre
es schön, zur derzeit noch nicht geplanten Neuauflage beizutragen. Der legendären Sendung
wegen, deren Laufzeit demnächst von der Rezensionssparte des Klangstudios Pohl eingeholt
wird und der Qualität des Buches wegen, welches neben der vollständigen Chronik aller 83
Sendungen einiges zu bieten hat. Wer Darstellungen über mehrere Kultobjekte der sechziger
Jahre besitzt, wird die Frage schnell bejahen, ob eine weitere Flankierung mit Daten und
Betrachtungen zu Politik, Gesellschaft, Musik, Film und Fernsehen nötig ist. Der Autor Uwe
Nielsen, mit praktischer Erfahrung in Rundfunk und TV reichlich versehen, pendelt gekonnt
zwischen Hochkultur-Zitaten, Informationen, lockerem Plauderton und stellenweise genialer
Komposition (durch lakonische Auflistung): Beatles-Single toppt singenden Eiskunstläufer, Mỹ-
Lai-Massaker in Vietnam beendet Karriere von General Westmoreland und Präsident Johnson,
Notstandsgesetzgebung in Bonn, Bonzenprämie für interviewten Dutschke, Numerus Clausus und
Kaufhausbrand, Ermordung Martin Luther Kings - der Ertrag eines einzigen Monats! Auch
Sarkasmus wird passend eingesetzt: Die Haftentlassung Albert Speers und Baldur von Schirachs
werden kommentiert: „… nun sitzt Rudolf Heß ganz alleine dort im Knast.“ - und pseudogewagte
Andeutungen à la „wenn die Connie mit dem Peter“ mit „dann passiert gar nichts“.
Die schönsten Seiten der Zeit haben dagegen immer mit Popmusik im Allgemeinen und dem
Beat-Club im Besonderen zu tun - und den Machern im Einzelnen. Perspektivenreichtum und
Imaginationshilfen haben jeweils nur eine Leerstelle - das wird gleich zur guten Nachricht - und
die Schmökerfreude ist riesengroß, leider im Gegensatz zu den Bildern des Bandes: Viele sind
gradezu winzig, hier wäre weniger mehr gewesen. Dafür darf als wohl unfreiwilliger Hinweiß auf
eine gespaltene Gesellschaft gedeutet werden, dass die deutlichste Aufnahme Uschi Obermeier
UND Juliane Werding, Rainer Langhans UND Berti Vogts zeigen.
Dass Nielsen mit der vermehrt aufgeführten anspruchsvoller werdenden Musik seit Ende des
Jahrzehnts wenig anfangen kann, hat er mit den abspringenden Zuschauern gemein, der Vermerk
„Neben Steve Miller kam auch die neue ‚Jeff Becker Group‘ ins Beat-Club-Studio“ wird der
Bedeutung des letzteren Ereignisses nun aber wahrlich nicht gerecht. Zur Strafe einige
Seitenhiebe: Die in der Chronik aufgelisteten Titelangaben sind nicht immer korrekt (Beispiel folgt
am Schluß), Revolver ist durchaus nicht die Erfolgsplatte des Jahres 1965 (es hätte klappen
können, wäre sie nur dort erschienen) und das Register enthält so viele Lücken und
haarsträubende Fehler (Beispiele folgen am Schluß), dass Musikfreaks animiert sein sollten, ein
Suchspiel zu veranstalten. Im Dauerbrenner-Streit um die Gültigkeit des Satzes vom Widerspruch
entscheidet sich Nielsen gegen Parmenides und für Heraklit: Die Rolling Stones traten in der
Sendung auf und sie taten es auch wieder nicht.
Zeit für die gute Nachricht. Wen es stört, dass kein Wort verloren wird, was eigentlich die
auftretenden Musiker vom Beat-Club hielten und der Ablauf samt Vor- und Nachspann im Dunkeln
bleibt, dem wird nun die perfekte Ergänzung präsentiert:
Uschi Nerke - 40 Jahre mein Beat-Club
Kuhle Buchverlag €16,80
Riet Alexis Korner dem arglosen Brian Jones (der wahrscheinlich auch nicht sicher hätte sagen
können, ob er mal dabei war), wie in einer früheren Doppel-Rezension angedeutet, angesichts des
auftauchenden Duos Jagger/Richards „Nimm Einen, auf keinen Fall Beide“, muss es hier heißen:
Kehren Sie die Anweisung um. Als hätte man sich abgesprochen, was, siehe Titel, vom Erscheinungstermin
her sehr wohl geschehen sein konnte, füllt die ikonische Moderatorin die genannten
Lücken auf’s sympathischste. Gibt Nielsen die Set-Liste mit Bandnamen, Titeln und Spieldauer
sowie Kurzkommentare zur Einzelsendung und Leitlinien zu schnellem Bedeutungswachstum und
Richtungsänderungen, macht’s Nerke anschaulich: Von Garderobe und Maske über Wegbahnungen
quer durch das Publikum und Treffen mit den Musikern nach der Sendung, ein Füllhorn an
Freude und Empathie nebst rechtzeitiger Flucht vor Saufgelagen ohne Ende („Lieber Gott, gib mir
jeden Mann, aber bitte keinen Iren.“) Auch die im Nielsen-Band ausführlich beleuchteten technischen
Innovationen erfahren erfreuliche Konkretisierungen samt Hinweisen auf drohende Übertreibungen.
Vor allem aber wird die menschliche Seite der Musiker und des Teams hervorgehoben, sichtbar
auf wunderbar sprechenden Fotos (den dauerpräsenten Dave Dee lassen wir anstandslos durchgehen)
und nachlesbar in geradezu rührenden Briefen an „Dear Uschi“, die von Dankbarkeit, jahrzehntelangen
Freundschaften und Wertschätzung gegenüber den als locker und freundlich empfundenen
Deutschen (!!!) künden. Die Bilder vermitteln dem heutigen Betrachter das Gefühl von
Engagement, Aufbruchsstimmung und der Gewissheit, neben der Gegenwart die Zukunft gleich
mit zu erobern.
Im Gegensatz zu anderen Zeitgenossen mit friedlichen Mitteln (Ausnahme wie Townshends Gitarrenhandhabung
bestätigen die Regel), nichtsdestotrotz natürlich nicht im Einklang mit der Mehrheitsgesellschaft,
aber bewundert von der noch jüngeren Jugend. Beide Bände machen die
Sehnsucht nach der nächsten Sendung und die Kämpfe ums elterliche Wohnzimmer zur Sendezeit
deutlich, dass diese überhaupt gewonnen werden konnten, sagt ja auch schon etwas über
den latent in der Luft liegenden Wandel aus.
Nerke hat nicht mal Grund, sich über die Bild-Zeitung zu beschweren, die zur Diskussion einlud
(„Trägt Uschi zu kurz?“) und ihre berühmten Aussetzer und Versprecher mit einem wohlwollenden
„Endlich ein Mensch vor der Kamera“ bedachte. Lob gab’s auch von Rudi Carrell, Nerkes Entdecker,
Nielsen zeigt, wo der Kleinbürger-Hammer hängt mit einem an Wochenendfamilienklischeespießigkeit
nicht zu übertreffenden Artikel eines besorgten Journalisten. Wohltuend ironischabgrenzend
beurteilt er die ob solcher Ewiggestrigkeit sich bildenden K-Gruppen. Keine Spur von
Ironie dagegen bei den K-Gruppen der anderen Seite: Nerke wird vom Katholischen Kirchenblatt
gerügt, Nielsen zitiert eine Stellungnahme der Kyffhäuser-Kameradschaft - Deutschland, Deutschland,
übel alle.
Der Beat-Club kontert seinerseits, wenn ausnahmsweise Schreiben nach Gehör akzeptiert wird,
mit den wahren K-Gruppen: Kan, Kanned Heat, Karavan, Kolosseum, Kreedence Klearwater Revival,
Kinks, King Krimson, Kurved Air.
Eine K-Gruppe, die es besser hätte wissen müssen, die konservativen Kulturkritiker, sei gefragt,
ob sie sich mit ihrem gehüteten Klassiker-Kanon denn überhaupt beschäftigte. Hier die obszöne
Zeile Mephistos im „Nationalheiligtum der deutschen Literatur“ (A. Schöne) beim lüsternen Blick
auf die fliegenden jungen Engel: „Die Racker sind von unten gar zu appetitlich“; dort der stilvolledle,
von Schirm und Melone begleitete, „schönste Leder-Engel der sechziger Jahre“ (U. Nielsen).
Ausnahmen in Form der Folgen 21, 24 und 26 der vierten Staffel bestätigen die Regel, die Episode
„Mrs. Peel zum Erste, zum Zweiten, zum Dritten“ setzt sie kurzfristig außer Kraft. Und hat der
kunstbeflissene Altphilologe in den seinerzeit am laufenden Band (R. Carrell) erscheinenden
Prachtbänden wirklich nicht bemerkt, dass auch das kürzeste Nerke-Kleidchen prüde war, ohne
Ausnahme, im Vergleich mit dem Fummel der auf Vasenbildern gern gemalten antiken Eberjägerin
Atalante? Wer mag, betrachte eine Darstellung feiernder Satyrn, Mänaden, Zecher und Hetären
und begleite sie im Geiste mit der Beat-Club-Erkennungsmelodie - sitzt wie angegossen!
In dionysischer Ekstase lauschen wir nun, mit dem Register in der Hand, dem Jethro-Tull-Tenorsaxofonisten
Martin Barre und dem Doors-Gitarristen Ray Manzarek bei ihrer Cover-Version von
Emerson, Lake & Palmers Life-Edge. Herr Nielsen bitte umgehend zum Drogen-Test!
Im Elysium lauscht mit der frühverstorbene George Martin des Beat-Club. Nielsen würdigt den TVRevolutionär
Michael „Mike“ Leckebusch selber und druckt lange Passagen aus dem Nachruf des
Moderators der ersten Sendungen, Gerd Augustin, Nerke findet ergreifende persönliche Worte
über ihren „großen Bären“ - was für ein großartiges Zusammenspiel.
Radio Bremen hat hier etwas geliefert, was bei milder Betrachtung die taktische Marschroute des
damaligen Bremer Polizeichefs (SPD) bei den Schülerprotesten gegen die Erhöhung der Fahrpreise
als vorweggenommene altdeutsche Fassung der Verewigung Leckebuschs durch Augustin erscheinen
lässt: Draufhauen und nachsetzen - The Beat goes on!