
Volker Hagedorn - Flammen
Volker Hagedorn - Flammen. Eine europäische Musikererzählung 1900 - 1918
Rowohlt Verlag €32,-
Jäh schreckte der junge Ivor Tiefenbrun aus dem Schlafe auf. Was für ein seltsamer Traum: Er saß
auf einem Raubtier, einem Jaguar, am Rande einer langen, gewundenen Straße und beobachtete,
wie ein wütender Stier einem Pferd hinterherjagte und es nicht etwa anfiel, sondern vor Freude
brüllend überholte. Wie kam er nur darauf und dann noch in dieser Deutlichkeit? Er stand auf und
ging ins Wohnzimmer. Auf dem Plattenteller lag die kurz nach der Trennung der Gruppe
erschienene letzte Beatles-LP. Ach ja, es war kein high-fideler Abend gestern, statt des
gepriesenen Phil Spector’schen „Wall of sounds“ ein zerbrechliches Mäuerchen. Auf dem Sessel
befand sich seine geliebte Auto-Zeitschrift, wo er den Artikel über eine britische Edelmarke noch
fertig gelesen hatte und vor dem Zu-Bett-Gehen achtlos auf die nächste Seite blätterte. Sie war
noch aufgeschlagen. Was war da? Links ein sich aufbäumendes Pferd, rechts ein Stier in
Angriffsstellung! Es las. Der Bericht handelte von einem gewissen Ferruccio Lamborghini, der aus
Ärger über seine Ferraris einfach ein eigenes Modell baute. Da kam Tiefenbrun eine Idee…
Ein Linn Miura ist nicht daraus geworden, aber wenn Ihnen diese Art, Geschichte zu schreiben,
gefällt, brauchen Sie nicht weiterzulesen und können das angezeigte Buch umstandslos
erwerben. Wenn Ihnen diese Art nicht gefällt, lesen Sie bitte weiter und erwerben das Buch nicht.
Wenn Sie dieser Art und einer Kaufentscheidung skeptisch-wohlwollend gegenüberstehen,
überlegen Sie, ob Sie jemanden aus der ersten Kategorie kennen, der seinerseits diese Rubrik
nicht kennt und Sie haben notfalls ein passendes Geschenk.
Warum diese umfangreiche Absicherung nach allen Seiten? Weil der Rezensent als Leser zu den
Kategorien zwei und drei tendiert, die besten Stellen Volker Hagedorns, als Musikjournalist unter
anderem für die „Zeit“ tätig und als Autor mit „Bachs Welt“ und „Der Klang von Paris“
hervorgetreten, ihn aber zum Verweilen in Kategorie eins einluden. Und nicht nur die besten
Stellen, sondern ebenso das Gesamtanliegen des Bandes, eine mögliche Geschichte neben die
tatsächliche zu stellen. Man braucht sich bloß auszumalen, Ivor Tiefenbrun hätte keine Auto-
Zeitschriften gelesen...
Anhand ausgewählter Biographien verschiedener Musiker, in den Hauptrollen Claude Debussy
und die britische Komponistin und Frauenrechtlerin Ethel Smyth, in den Nebenrollen Mahler,
Strauss, Schönberg, Berg, Strawinsky, Ravel und Hindemith, lässt Hagedorn achtzehn Jahre
Revue passieren, an deren Beginn das dekadente, experimentierfreudige „Fin de siècle“ steht, an
deren Ende die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.“ Neben dem mindestens im Hintergrund
allgegenwärtigen Nationalismus findet sich ein selbstverständlich praktizierter künstlerischer
Kosmopolitismus, am eindrucksvollsten und, der heraufziehenden Kriegsgefahr wegen,
beklemmendsten beim Auftritt Strawinskys in Berlin im Winter 1912: „Während die Regierungen
der mächtigsten europäischen Nationen nervös einander sondierten, über den brennenden Balkan
hinweg, sind Künstler und Publikum all dieser Nationen in der Krolloper vereint, wochenlang
Franzosen und Russen auf der Bühne, Engländer im (Orchester-)Graben, Deutsche im Saal, der
immer voll ist.“ Österreich steht nicht lange abseits, das Ehepaar Schönberg rückt nach. Und der
ebenfalls famos geschilderte Auftritt Debussys in einem der Moderne gegenüber
aufgeschlossenen Russland lässt nicht ahnen, dass die einheimischen Beteiligten zehn Jahre
später reihenweise durch rein zufällig offene Fenster versehentlich aus dem fünften Stock stürzen
werden.
Kein Grund für westlichen Hochmut, Hagedorn ist in souveräner, informierter Erzähllaune bei einer
brutal gegen Ethel Smyth und ihre Suffragetten-Genossinnen vorgehenden britischen Polizei, rund
um die Dreyfus-Affaire in Frankreich, soziales Elend in Wien, Antisemitismus und Kulturkampf
überall. Dem stehen leider einige überhebliche Sequenzen gegenüber. Vor allem die viel zu lange
Abhandlung über die zwar parallel geschilderte, als einander bedingende Parallelität dann aber in
Abrede gestellte Komposition von Schönbergs zweitem Streichquartett während erlittenem
Ehebruch, und das fiktive Gespräch zwischen Gustav Mahler und Sigmund Freud ließen mich in
den rezensierten Werken über die beiden Musiker nachschlagen und der dort in wohltuender
stilistischer Ruhe festgestellten durchdachten Kompetenz wegen aufatmen. Die sicher nicht
jedem Bekannte, in keinem meiner Konzertführer erwähnte, Smyth, die im vorliegenden Buch
breiten Raum bekommt, wird bei der Beschreibung ihrer Treffens mit Mahler, hier fabulierfreudig
ausgeschmückt wie alles andere auch, von dessen Biographen Jens Malte Fischer völlig
unaufgeregt als „eminente Komponistin“ bezeichnet - das konnte man also schon länger wissen -,
aber auch als „Freundin starker Geschichten“ - Hagedorn lässt alles gelten. Auch zweifelt Fischer
einleuchtend an der hier als Tatsache dargestellten Geschmacklosigkeit Debussys, mitten in einer
Mahler-Symphonie den Saal verlassen zu haben. Eine staunend machende Nachricht klärt
Hagedorn selbst auf: Als Reaktion auf Debussys Ehebruch (Das scheint damals Standard
gewesen zu sein) schließt sich seine Gemahlin „eine Kugel in den Leib“ und erhält dennoch
Unterhaltszahlungen (Das kann unmöglich Standard gewesen sein). Zwei Seiten später wird erst
verraten, dass sie ihren Selbstmordversuch überlebte.
Geht es um Aufführungen und ihre Vorbereitung beherrscht der Autor seinen Stil und sein Thema.
Die monierte Überspanntheit taucht nur teilweise bei den Proben zur Premiere von Mahlers Achter
auf (Kurz nach dem Ehebruch seiner... lassen wir das) und wird mehr als kompensiert vom
ziemlich frei erfundenen, charakterlich aber überzeugend, herzerwärmenden Umgang des
Komponisten mit dem riesigen Kinderchor.
Zur Abwechslung nüchtern, aber inhaltlich hervorragend, ist der Abschnitt über Richard Strauss’
Salomé. Am besten, wen wundert's, kann Hagedorn selbstredend Skandal-Konzerte und die gab
es reichlich. Vergleichsweise harmlos und immerhin ambivalent scheint das, was den beiden
Hauptfiguren widerfährt: Debussy erntet wütende Zwischenrufe, denen in der Presse neben
reichlicher Kritik auch ausführliche Lobeshymnen gegenüberstehen, Smyth erhält dämliche
Kommentare in den Zeitungen (der Misserfolg der Miss) und Zuspruch von der Basstuba. Richtig
zur Sache geht's bei der Neuen Wiener Schule, vom Verfasser genüsslich ausgekostet, trotz
erstaunlichem Erzählverzicht auf eine verbürgte Pointe (Mahler zu wütendem Zuhörer: „Sie haben
hier nicht zu zischen.“ - Replik: „Ich zische auch bei Ihren Symphonien.“)
Unbestrittener Höhepunkt ist die Darstellung von Strawinskys „Sacre du Printemps“. „In einer der
Logen erhebt sich eine fabelhaft angezogene Dame und schlägt dem schlüsselpfeifenden Herrn
neben ihr ins Gesicht, der daraufhin ihrem Begleiter seine Karte für das Duell überreicht, zwei
Geschwister streiten sich lautstark, hinter dem Fotografen Carl van Vechten steht ein junger
Mann, der einfach nur vor Aufregung mit beiden Händen auf den Kopf eines Amerikaners
trommelt.“ Ein erster Hinweis auf den späteren Kriegsbeitritt der USA.
Zwiespältig ist der Eindruck von Hagedorns Musikbeschreibungen und Detailanalysen. Gelungene
suggestive Passagen und erhellende Hinweise (Schluss von Bergs „Marsch“) wie treffende
Formulierungen (Schluss von Bergs, „Marsch“) stehen neben unausgegorenem.
Wenn in einer Komposition bereits im vierzehnten Takt F-Dur erreicht wird, sollte das weiter
kontextualisiert werden. Wenn die 8 Töne eines Achtton-Akkords aufgelistet werden, sollte etwas
über deren harmonische Beziehung oder Nichtbeziehung zueinander gesagt werden. Man
schwankt hinsichtlich der Motivation des Autors zwischen „Ich weiß noch viel mehr, aber ich sag’s
nicht“ und „Ich hab’ das gelesen, wenn jemand etwas damit anfangen kann, bitte.“ Dann raunzt er
geheimnisvoll von „so etwas wie einem Dominantseptnonenakkord.“ Holen Sie jetzt bitte Ihre
Gitarre, wenn Sie eine besitzen, greifen Sie D-Dur, setzen Sie den Mittelfinger vom 2. Bund der ESaite
auf den dritten Bund der A-Saite und schrammeln beliebig etwas herum. Dann wechseln Sie
zu G-Dur. Gratulation, Sie haben soeben einen Dominantseptnonenakkord gespielt und sind
erfolgreich bei der Tonika gelandet.
Zum Schluss noch zwei Volltreffer: Einem Instrumentalisten bescheinigt Hagedorn ein „wackeres
Walrossgesicht“, die Abbildung auf der folgenden Seite ließ den Rezensenten laut auflachen: Goo
Goo G’Joob! (The Beatles: I am the Walrus, von 1967, vier Jahre nach ihrem ersten
Septnonenakkord). Und die Einführung eines neuen Komponisten zehn Seiten vor dem Ende
erwies sich als perfekte Rundung und Kriegskommentar. Paul Hindemith probt Debussy und liest
Nietzsche: „Soweit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur.“ Können wir demnach etwas aus
der Geschichte lernen? Dreierlei: Deutsche Soldaten sollten in ihren zum Angriffsfeldzug in den
Tornister gesteckte Anfeuerungsschriften lesen statt gleich loszuballern, Sportwagenmotoren
gehören hinter’s Cockpit statt an die Front und der beste Lautsprecher kann nicht zurückholen,
was in der Wiedergabekette dort verloren geht.
Rezension: Frank Rüb