
Requiem
Karl Alfred Loeser - Requiem.
Klett-Cotta Verlag €24,-
Die kulturelle Lage im wilhelminischen Deutschland hat in der Geschichtswissenschaft zur Diagnoseeiner „deutsch-jüdischen Symbiose“ geführt. In Teilbereichen nicht völlig zu Unrecht, blendet
man die latent-gewalttätigen Gegenbewegungen und vor allem die Tatsache aus, daß gelingendes Zusammenleben eine recht einseitige Angelegenheit, sprich: jüdische Assimilation, war.
Am intensivsten dürfte die Beziehung in der klassischen Musik gewesen sein. Neben allseits sichaustobenden Anfeindungen steht eine Vielzahl jüdischer Komponisten, Dirigenten, Musiker und
Konzertbesucher (ohne letztere wäre die antisemitische Hochburg Bayreuth ein wirtschaftliches Desaster geworden), deren Präsenz respektiert wurde und deren Identifikation mit klassischer
deutscher Musik und Leidenschaft für die Moderne, wenn diese einmal durchgesetzt war und vorallem nicht zu modern sich gerierte, den Kulturbetrieb immens bereicherten.
Selbst die Machtübernahme der Nationalsozialisten beendete diese Situation nicht schlagartig.Knapp drei Jahre waren nötig, bis mit Gesetzesmaßnahmen, Intrigen und Gewalt sämtliche ausübenden
Musiker aus den Opernhäusern und Orchestern verschwanden. In dieser Zeit spielt dervorliegende, berührende Roman, den der Verfasser nach seiner eigenen Flucht ins diktatorenfreundliche
und antisemitische Brasilien schrieb unter Verwendung biographischer und familiärerParallelen und der 2023 erstmals veröffentlicht wurde.
Im Zentrum steht das Schicksal des Mitte der dreißiger Jahre noch geduldeten Cellisten Erich Krakau in einer nicht näher benannten westfälischen Stadt, dessen Platz ihm von einem mittelmäßig
(freundlich ausgedrückt) begabten jungen Deutschen geneidet wird. Ein literarischer Geniestreich ist der Beginn des Buches, der unter Ausblendung der Rahmenbedingungen diesen Sohn
eines Bäckermeisters beschreibt, scheu, unbeholfen, „stupide“, der Geborgenheitsgefühle nur mit dem Ohr an seinem leidlich bearbeiteten Instrument kennt, von seinem wichtigtuerischen Onkel
etwas Unterricht erhält und von banausischem Publikum über Gebühr beklatscht wird, was zur Idee führt, ihn im Staatstheater unterzubringen. So weit, so mitleiderregend, fiele da nicht der als
Argument gemeinte Ausruf: „Ist er nicht Einer der Ersten gewesen, die bei der Partei waren? Hat er nicht schon gekämpft, als es noch Landesverrat war, ein Patriot zu sein?“ Nun, er ist nicht nur
in der Partei, sondern auch in deren Sturmabteilung und wird von seinen Kameraden vor der sich beim Saufgelage verliebt gebenden Kellnerin bloßgestellt. Ehrgeiz und Hass, die Lunte ist gelegt.
Und die Bühne bereitet für den Auftritt der Hauptperson: ein talentierter, sanfter, liebevoller und kultivierter Mensch, dessen Eigenschaften auch ohne die zuvor eingeführte Negativfolie strahlen
würden. An seiner Seite und in seinem Umfeld eine liebevolle Frau in Erwartung des ersten Kindes, (noch) wohlgesonnene Vorgesetzte und Kollegen am Theater und ein die Schwangere behandelnder
Arzt, der seine Flucht in Erwägung zieht und in bedrohlicher Lage von Krakau, der bisher eher arglos agierte, dazu gedrängt und dabei unterstützt wird.
Der Widersacher, Fritz Eberle, bewirbt sich unter Betonung seiner Parteimitgliedschaft samt Hinweis auf Juden im Orchester, die es zu entfernen gelte, um Krakaus Posten und das Verhängnis
nimmt seinen Lauf. Nicht nach dem katastrophalen Vorspielen, ein Hakenkreuz macht noch keinen Cellisten, aber nach dem Abgekanzeltwerden findet Eberle einen schmierigen, journalistisch
einflußreichen, Opportunisten und Intriganten, der, selber sämtliche antijüdischen Vorurteile repräsentierend,
sich leidenschaftlich für die deutsche Sache engagiert. Nach einer initiierten Saalschlacht während des Konzerts kommt Krakau in Schutzhaft und landet im „Judenkäfig“, wo die
in Lager zu transportierenden Häftlinge gefangen gehalten werden. Krakaus Frau Lisa und die anfangs aufgetretene Kellnerin, die nach dem erwähnten Streich von Eberle (und nicht nur von ihm)
vergewaltigt wird, darauf zur Rächerin mutiert, die Frau Krakau eben davor bewahrt, wachsen in Haltung und Handlung über sich hinaus, ebenso ein nicht der Partei angehörender Gauleiter, der
von seiner drohenden Absetzung durch einen überzeugten Nazi den Gefangenen befreit und selber ein tragisches Ende nimmt.
Literarisch ist das alles sachlich und gekonnt erzählt, Konstellationen und Dialoge überschreiten gelegentlich die Grenze der Wahrscheinlichkeit, was ausdrücklich als gelungenes Stilmittel und
nicht als Kritik verstanden werden soll, schließlich waren im Umfeld der Vorgänge im Dritten Reich die Grenzen der Wahrscheinlichkeit nicht einmal entfernt zu erahnen bezüglich Perfidität, Sadismus,
Verbrechen und Terror.
Was dieses Werk aber zum einzigartigen Dokument macht, sind die soziologische Ebene und die Bezüge zur Weltliteratur. Da wären bezüglich Ersterem die beiläufigen Studien über Verhaltensweisen
im Totalitarismus. Auf Täter-/Mitläuferseite, schweigender Mehrheit und handelnder Minderheit ein breites Spektrum mit erstaunlicher Interaktion: Ein bekennender Antisemit, der mit
Freundschaften im Einzelnen keine Probleme hat, ein stolzes Elternpaar mit mehr als nur blinden Flecken, ein Aufeinanderprallen von Aufrichtigkeit und und Phrasendreschen uvm. Auf Opferseite
die zu Familienstreitigkeiten führende Diskussion über den Aufenthalt im Exil mit dem Fluchtpunkt Palästina, der Einblick in prekäre Lebenswelten aus behütetem Bürgerdasein und die Verlagerung
roher Gewalt bei Nichterreichung des Zielsubjekts auf ein repräsentatives Objekt: die erwähnte Saalschlacht endet mit „dem Klagelaut eines geschändeten Pianos“.
Und auf struktureller Ebene die mit der Geschichtsforschung übereinstimmende Schilderung rund um Krakaus Gefangennahme bezüglich Festigung des Terrorregimes durch kalkulierte Kompetenzunschärfen:
Der Gauleiter weiß als einziger nicht, wo genau der Verhaftete steckt, der Polizist nicht, welcher befehlenden Gewalt er gehorchen soll. Erschreckend die Ausnahmenumkehr im
Vergleich zur Nachkriegszeit: Bei der Umsetzung der Entrechtung wird als Hindernis beklagt, daß „jeder Deutsche einen anständigen Juden“ kenne, nach dem Zusammenbruch wurde daraus, daß
jeder Deutsche einem Juden geholfen habe. Alles in Allem also 60 Millionen Juden… (Die „Gnade der späten Geburt“ wurde abgerechnet). Jedenfalls wird klar, daß die gewaltsame Entfernung
Erich Krakaus aus seinem Alltag und Beruf kein Selbstläufer war und doch das Wissen dahintersteht, daß Ende 1935 sämtliche Erich Krakaus entfernt waren.
Nun zur Weltliteratur. Möge es dem Verfasser alle erdenkliche Genugtuung bereitet haben, für seine Anklageschrift gegen Gewalt und Geplärre der Nazi-Barbarei die vielbeschworene „Sprache
Goethes und Schillers“ anwenden zu können. Zwei Szenen seines Romans erinnern an das Femegericht aus „Götz von Berliching“ und an die Intrige Wurms gegen Luise aus „Kabale und Liebe“
und müssen den Vergleich weder qualitativ noch atmosphärisch scheuen. Beethovens Fidelio bekommt einen Auftritt, der staunen macht, daß diese Oper nicht verboten wurde. Ein alttestamentarisch-
zorniger Rabbi hält eine Strafpredigt mit Anklängen an die Sprache Zarathustras. Und die großartigste Nebenszene des Buches zeigt, daß beim Versuch, einer stigmatisierten Opfergruppe
Individualität und Persönlichkeit zu nehmen, das Täterkollektiv beides zuerst verliert. Man vergleiche, was sich nichtgefährdete Figuren zu sagen haben mit dem Gespräch vierer Fliehender
im Zugabteil. Neben bereichernden und einordnenden biblischen Bezügen die bestechende Zeitdiagnose einer herrschenden „Diktaturkrankheit“ nebst fassungslosem „so was ist im 20.
Jahrhundert möglich“ und an irgendetwas gegenwärtiges erinnerndem „in solchen Tagen der Panik ist der Mensch zu allem fähig, fähig, die Ärzte zu lynchen, die helfen wollen und ihre Impfnadel,
die harmlosen Nadeln, für Mordinstrumente zu erklären. Das alles ist schon vorgekommen.“
Auch der letzte Satz gehört noch zum Zitat.
Nebenbei widerlegt der sich unter den Diskutierenden befindende Arzt des Ehepaars Krakau noch die dem Monotheismus nachgesagte Dogmatik und Toleranzlosigkeit mit einem wunderbar souveränen
„Ewig ist vielleicht Gott, aber auch das ist nur eine Hypothese“. Und Krakau selbst? Dessen Transzendenzbedürfnis war mit seiner Frau und seiner Musik Genüge
getan und, wie es später heißt: „Für ihn… war eine Diskussion über die Existenz Gottes ganz ohne Interesse… Und hätte ihn jemand gefragt, was er sich eigentlich unter Gott vorstelle, so hätte
er ihn wohl verständnislos angeblickt und vielleicht, in Gedanken versunken, ein Thema aus einem Mozart’schen Streichquartett vor sich hingesummt.“
Rezension von Frank Rüb