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Woodstock. Die wahre Geschichte und Altamont. The Inside Story of Rock´s Darkest Day

Michael Lang – Woodstock. Die wahre Geschichte. Vom Macher des legendären
Festivals

Edel-Verlag € 24,95

Joel Selvin – Altamont. The Rolling Stones, the Hells Angels, and the inside
Story of Rock’s darkest Day

Harper-Collins-Verlag € 18,50

 

Das Wahre ist das Ganze. (Hegel)
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. (Alte Spruchweisheit)
Dann kann auch nachträgliche „Teil“-habe zur Wahrheit beitragen. (Rüb)

Setzen wir also zunächst einige Teile zusammen: Faustschläge, gezückte Messer, Drohung mit „Knarren“, Vergewaltigungsversuch, Gewalt auf der Bühne, „Horrortrip“, „Katastrophengebiet“, „Militäroperation“, „Es war wie im Gefecht“. Habe ich etwas vergessen? Ach je, das Wichtigste – wir starten die Doppelrezension mit dem Woodstock-Buch. Und sind aktuell bei einem winzigen Teil der Wahrheit. Doch der Reihe nach. Der Verfasser und Organisator Michael Lang, aus einer emigrierten ostjüdischen Familie stammend, erzählt einige Stationen seiner Jugend: erster Sex mit Elf, erste Erfahrungen am Steuer mit Zwölf, Marihuana mit 14, LSD mit 16, was man halt so treibt. Das Verhältnis zu den Eltern ist gut, die Mutter wird bezüglich Marihuana vom Sohnemann mit der herbeigeschleppten Encyclopedia Britannica beruhigt (macht nicht abhängig), der Vater wacht auf dem Beifahrersitz und hilft finanziell gerne aus, wofür er sich später beim Konzert einen hervorragenden Aussichtsplatz verdient.

Langs Eintauchen in die Hippie-Szene durch das Auftauchen eines Hasen bei einer U-Bahn-Fahrt mit 16 (siehe oben) gewährt, immer entlang des persönlichen Erlebens, einen faszinierenden Einblick in die Jugendkultur der USA. Eine Hippie-Corvette hängt einen Ku-Klux-Klan-Pickup ab, Erfahrungen mit der Polizei werden ausgewertet und mit den ersten organisatorischen Abenteuern und hieraus resultierenden Bekanntschaften kristallisiert sich die Idee, ein großes Festival zu veranstalten. Die Ortssuche gestaltet sich kompliziert und endet legendär; Gemeinschaftsgeist wird großgeschrieben und zwar mit sehr unterschiedlichen Gemeinschaften – Bohemiens, Landleute, Handwerker, Sicherheitspersonal; erste Musikerzusagen ziehen eine Lawine weiterer Interessenten nach sich und Lang zieht die Fäden. Von der Auswahl geeigneter Polizisten („…Was würden Sie tun, wenn Ihnen ein Jugendlicher mit langen Haaren einen Joint reicht?“ – „Ich würde ihn verhaften.“ – „Tut uns leid, Sie können wir nicht gebrauchen.“) über zunächst einfache mathematische Probleme (Anzahl der Konzertbesucher, vorhandene Toiletten und durchschnittliche Verweildauer wird andersrum beobachtet und für das eigene Festival hochgerechnet), später dann ausgefeiltere Rechenaufgaben (damit eine zu errichtende Fußgängerbrücke nicht zusammenbricht – „Chris berechnete die nötige Traglast, indem er John Morris fragte, was Jimi Hendrix wog und wie schwer ein durchschnittlicher Groupie war, und dieses Gewicht multiplizierte er mal zehn oder zwölf.“), bis hin zu musikalischen Neuentdeckungen (Lang hört im Radio einen ihn begeisternden „schwarzen Soulsänger“ und engagiert ihn blindlings, was zum großen Auftritt Joe Cockers führte) und – Liebe und Frieden gehen durch den Magen – der Sorge für das leibliche Wohl („Die Suppenküche der Hog Farm hat Müsli und Vollkornreis in ausreichenden Mengen, aber wenn Food for Love keine Hotdogs und Hamburger anbietet, werden wir es mit Tausenden wütenden und hungrigen Jugendlichen zu tun bekommen.“).

Eine erste Belohnung für den nimmermüden Lang stellt sich mit dem Anblick der anrückenden Konzertbesucher ein – bevor noch ein Ton erklungen ist, lauter friedlich-dauergrinsende Gesichter und das, aus dem gleichen Grund um ein Beispiel aus der Hochkultur und Hochliteratur heranzuziehen, wie die Ägypter im Thomas Manns Joseph-Tetralogie – „sie freuten sich ihrer Menge“. Gewerkelt wird nichtsdestotrotz fieberhaft bis zur letzten Minute und darüber hinaus, wenn Regen und Sturm es erfordern. Nicht die kleinste Kunst des Autors ist es, wenn er die Bühne im wahrsten Sinne des Wortes freigibt und selber nur zum Zuschauer wird, das Erzählniveau zu halten und weiterhin erhellende Gastkommentare anderer Beteiligter einzufügen. Man fühlt mit der stromschlaggeplagten Grateful Dead, zittert mit Crosby, Stills, Nash & Young, die in letzter Minute (nachdem Lang Stills beim entscheidenden Telefonat den Hörer an die Lautsprecher hält, aus denen dessen eigener Song zum Aufwärmen ertönt) spontan zusagen und vor ihrem erst zweiten Auftritt als Quartett den lauernden Hendrix hinter sich stehen wissen, freut sich über jede gelungene Show und wünscht sich, Jefferson Airplane hätten ihren vorletzten Song zum gegebenen Anlaß komponiert – kurz bevor es losgeht, taucht in der Crew allen Ernstes ein Peter White Rabbit auf. Es könnte natürlich auch eine Halluzination gewesen sein...

Der – trotz famosem eigenen Set – schlechtgelaunt-skeptische Stimmungsstänker Pete Townshend sollte sich beim Entidealisieren an die eigene Nase, groß genug ist sie ja, fassen, denn die anfangs erwähnten Ausrutscher „Gewalt auf der Bühne“ und „Vergewaltigungsversuch“ gehen auf ihn selber (ersteres) und (letzteres) auf einen glücklicherweise für das vorgesehene Opfer zu schwachen Kollegen Keith-Darkside-of-the-Moon zurück. Wie hätten diese beiden sich beim düsteren Nachfolgefestival geschlagen – und mit wem? Es blieb ihnen erspart ebenso wie Hendrix, der selbstverständlich Langs Erzählung gelungen rahmt. Dagegen nahmen Santana, Jefferson Airplane, Grateful Dead, CSNY und einige Protagonisten des Organisatorenteams die positiven Schwingungen mit nach Kalifornien zum geplanten „Woodstock West“.

Wenn Sie für Ihre Kinder ein Leben ohne Alkohol und Drogen mit geregeltem Bürojob und gepflegtem Wochenend-Schrebergarten wünschen: schenken Sie ihnen rechtzeitig den Altamont Band. Es gibt eine einzige positive Nachricht – es handelt sich um ein herausragend gutes Buch. Damit klar wird, was einen auf gut 300 Seiten erwartet, hier eine komplette Auflistung der temporären Stimmungsaufheller inklusive unfreiwilliger Komik: Beginnend mit der Buchumschlag-Aufschrift, Joel Selvin – Author of „Summer of Love“ über ein rares Norwegian-Wood-Erlebnis Jaggers, die Fehleinschätzungen „The Angels are some righteous dudes“ und, über den in höchster Eile gefundenen Ausweich-Austragungsort (von Michael Lang): „This is perfect. We can do it here“, die kurze Vorstellung des soziokulturellen Programms der „Hot Pants-Brigade“, zwei sich gegenseitig bekämpfende Hells Angels samt Nachahmung in Form eines Ärzte-Faustkampfs im Sanitätsbereich bis zur Beschreibung einer Hauptfigur am Morgen des Konzerts: „Richards, who had spent all night at the site taking LSD, smoking Opium and snorting Coke, looked refreshed and clear-eyed“. Mit einer gehörigen Portion Sarkasmus ließe sich noch der Dialog zwischen dem reuigen „Angel“ und Airplanes Balin nach Faustschlag und Ohnmacht Nr. 1 („You can’t say fuck you to an angel“) und vor („Fuck you“) Faustschlag und Ohnmacht Nr. 2 ergänzen. Den Rest hat Shakespeare in seinem Macbeth unübertrefflich auf den Punkt gebracht – Oh horror, horror, horror.

Selvin beginnt sein in drei Teile gegliedertes Werk mit einer kenntnisreichen Geschichte des Abdriftens der Hippie-Szene Kaliforniens in Gewalt und Chaos, der musikalischen Entwicklung der Grateful Dead nebst Umfeld, über die er ein, ebenfalls nicht ins Deutsche übersetztes, Standardwerk verfaßt hat und der musikalisch triumphalen, aber stets am Rande des Abgrunds lavierenden Amerika-Tour der Stones vor dem Desaster. Die Drahtzieher im Hintergrund werden ebenso ausführlich beschrieben wie die aktuellen Kompositionen. Hier darf man noch einmal schmunzeln über die Weigerung des Pianisten, schwarze Tasten zu benutzen und den Anruf bei Merry Clayton um drei Uhr morgens, doch bitte ins Aufnahmestudio zu kommen: „She didn’t know who the Rolling Stones were and was ready to decline the offer. Her husband, however, did know who the Rolling Stones were and convinced her to get up and go to the studio. She stood there, her hair still in curlers and took three passes at singing a searing background vocal part – Rape! Murder! It’s just a shot away“...

Das ruft nach der sofortigen Überleitung zum zweiten Teil. Zarten Gemütern sei dringend angeraten, vor der durchgehenden Lektüre stichprobenweise vorzugehen, um die ausufernden Gewaltexzesse durch partielle Vertrautheit in ihrer Wirkung etwas abzufedern; unerschrockene Zyniker, die sich beispielsweise schon durch die Kriegstagebücher Ernst Jüngers, der zu seinem Leben Schlägerphase und Drogenphase strikt getrennt hielt – das ist jetzt eine Information, kein Ratschlag! – gekämpft haben, können den Gruseleffekt durch Heranziehen des wissenschaftlich Gefolgenheiten erfüllenden Namens- „Stichwort- und Themenregisters“ steigern, indem sie unter „Hunter, murder of“ die Seitenzahl ermitteln und mitfiebern, wenn sie näherrückt; Freunde der Schaueromantik, die nur mit wenigen Namen der Akteure etwas anfangen können, erwartet gespenstische Hochspannung beim Kapitel „Alan und Patti“. Und Seldons Darstellung ist so gekonnt, daß sie für alle drei und wohl auch sämtliche übrigen Lesarten taugt. Allein die minutiöse Rekonstruktion des unübersichtlichen, manchmal auch allzu offensichtlichen, Geschehens ist eine Meisterleistung. Ebenso der Spannungsbogen unter schwieriger Faktenlage – von den 65 Seiten vom Erklingen der ersten Töne bis zur leeren Bühne dauert es einen Absatz, der von „For a few lucid minutes, the music ruled“ übergeht in eine erste eruptive Eskalation, die nach zwei Seiten mit „The horror show had begun“ kommentiert wird.

Getoppt wird das Ganze noch, hier hat der Autor ja Freiheiten, von seiner Fähigkeit der Personenführung. Alle Auftritte, Handlungssequenzen, Wiedereinführungen und Zusammentreffen – mit der Ausnahme des Stones-Bodyguards, der die beiden erwähnten Hells-Angels-Duellanten trennt und nacheinander, übrigens ohne Konsequenzen für sich selber, niederschlägt und in der entscheidenden Phase nicht mehr auftaucht – erfüllen, und zwar gerade in der Kombination von Handlungsautonomie und Zwangsläufigkeit, alle Kriterien einer klassischen Tragödie, nur ohne Moral und Humanismus – und ohne Blankvers. Pardon, das war jetzt voreilig, fast ohne. Ein astreiner fünfhebiger Jambus, die betonten Silben sind auf dem Vokal mit Apostroph versehen, mit weiblicher (d.h. unbetonter) Endung, findet sich sehr wohl: The tíme is ríght for a pálace révolútion. Man beachte Jaggers Raffinesse, wie er den kleinen Schönheitsfehler zweier unbetonte Silben hintereinander durch Zusammenziehen („foar“) geschickt korrigiert. Zum Vergleich ein Profi: Das Lánd der Gríechen mít der Séele súchend – aus dem Referenzhumanitätsstück Iphigenie auf Tauris, wo der Tantalidenfluch (Kannibalismus wider Willen, Gattenmord, Muttermord) samt Begleiterscheinungen (Menschenopfer) behandelt wird. Nicht auszumalen, wenn die Alten Griechen schon über Harley Davidsons verfügt hätten...

Der Mord, jetzt wieder in Altamont, noch eine erzählerische Qualitätssteigerung, wird sowohl aus nächster Nähe geschildert, vorher aber aus der Vogelperspektive mit den nach ihrem eigenen Auftritt der Stones wegen ausharrenden Airplane-Mitgliedern, die nach kurzer Überredung den für den Schlußakt reservierten Helikopter kapern und nachher mit dem restlos bedienten, bei der hastigen Flucht im Matsch landenden Rolling-Stone-Magazin-Reporter Greil Marcus (Sie erinnern sich vielleicht: der Doors-Biograph – was wäre passiert, wenn die hier – lassen wir das) aus der Bodenperspektive mit offenen Ohren: „As he lay there, he thought to himself, that he had never heard music more powerful in his life.“ Seldon pflichtet, wohlgemerkt ohne Sarkasmus und Zynismus, bei: „In the midst of all the madness and mayhem the Stones had never played better.“

Mit einem Sterbenden, kurz auf, dann hinter der Bühne – fairerweise muß man sagen: was hätten sie denn machen sollen? – schlägt Mick Taylor, nein, nicht jemanden, sondern vor, den neuen Song folgen zu lassen – Welturaufführung von Brown Sugar, Jagger hat Halt an der Flasche gefunden und ist zum Jumpin’ Jack Daniels mutiert, haut unter anderem noch ein gespenstisches „Rape, murder...“ raus (An diese Stelle ist Greil Marcus ganz Ohr) und geht übermütig „bawling and babbling“ an Hunters Freundin vorbei (Sie hört später kein Wort von ihm oder einem der anderen – fairerweise muß man sagen: ... hm, fällt Ihnen etwas ein?) um zur Schockbewältigung mit der bis zum Ende anwesenden Michelle Phillips und der im Hotel sich einstellenden, nach enttäuschter Liebe zu Jimmy Page von Norwegian Wood Let’s spent the night together gewechselten „Pamela“ einen flotten Dreier zu vollziehen, was nun wiederum „Pamela“ angesichts der erwartungsfrohen Phillips nicht mitmacht. Mamma mia, California nightmare!

Sind Sie noch da? Wir haben zwei Todesopfer übersprungen und befinden uns im letzten Teil des Werkes. Keith Richards ist dem Heroin verfallen und nicht mehr ganz da, Seldon resümiert und zieht Bilanz. Musikalisch, moralisch (Alles hat seine Zeit), finanziell und journalistisch. Der (Singular!) Rolling Stone veröffentlicht zwei Wochen danach die vorläufige ganze Wahrheit in einem 20.000 Wörter umfassenden Artikel, ein Meilenstein der Berichterstattung und für das Magazin das, was für den Spiegel seinerzeit „Bedingt abwehrbereit“ war, ohne Verhaftung. Die erhält der Mörder – wegen Diebstahls und Marihuana-Besitzes; für die tödlichen Messerstiche gibt es von der Geschworenenjury, die auf Betreiben des Verteidigers solange ausgewechselt wird, bis alle Mitglieder weißer Hautfarbe sind, ein „not guilty“. Des Mörders Reaktion im Gerichtssaal nach dem Spruch, ich zitiere buchstäblich: „Yeeeeoooowww“. Dieses Kapitel, wenn Sie den einleitenden Erziehungsrat befolgen wollen, könnte mindestens zum Verzicht der Sprößlinge auf den Schrebergarten führen. Stones-Verächter oder indignierte Bürger, die bis hierher durchgehalten haben, mögen bitte bedenken: unser Altamont hieß Schah-Besuch, unsere Hells Angels Jubelperser, unser Alan Karl-Heinz. Wenn Sie möchten, daß Ihre Kinder einer terroristischen Vereinigung beitreten...

Keine Doppelrezension ohne abschließenden Vergleich. Der Woodstock-Band ist mit wohltuenden Farbfotos angereichert, Altamont enthält dezenterweise, abgesehen vom Cover, nur ein doppelseitiges Schwarz-Weiß-Bild. Die jeweiligen Dokumentarfilme sind natürlich ausführlich thematisiert; lesen Sie unabhängig von Ihrem diesbezüglichen Kenntnisstandes in beiden Fällen ohne visuelle Begleitung, die Eigenständigkeit und Urkraft des Wortes sollte separat gewürdigt werden. Grace Slick, doppelte Zeitzeugin, vergleicht folgendermaßen: „In Woodstock hatte es einfach viel Schlamm und einen Haufen schlapper Dummköpfe gegeben. In Altamont war es Schlamm und ein Haufen aggressiver Dummköpfe.“ Hierzu muß man allerdings wissen: Sie trug laut Joel Seldon, dem aber auch das kleinste Detail nicht entgeht, ihre Kontaktlinsen nicht, Michael Lang gibt keine diesbezüglichen Hinweise. Er redet auch unvollständig über seinen Altamont-Beitrag, erzählt ein nicht unwesentliches Detail über Hunter und seine Waffe anders, und warnt „was passieren konnte, wenn man ohne Umsicht und ausreichende Planung an eine Veranstaltung wie diese heranging“. Etwas schlapp, aber Lang kam eben von Woodstock. Seldon geht mit dem mythisch verklärten Vorbild – er schreibt eben über Altamont – aggressiver ins Gericht: „Woodstock was far from peaceful... Festivalgoers outraged over the high prices at the concessions burned down the hot-dog stand. (Denn mit Müsli und Vollkornreis also wohl nicht!), Medical volunteers from the Hog Farm hippie commune treated more than four hundred bad acid trips. At one point, Governor Nelson Rockefeller considered sending in the National Guard. The event was ill-prepared, badly managed, and logistically daunting. That nothing more went wrong was a miracle.“

Das Wahre ist das Ganze. (Hegel)

Apropos miracle. Auch die Sterne seien verglichen. Lang schreibt: „Außerdem sollte das Aquarian Age im Titel genannt werden, das Zeitalter des Wassermanns, jene von Astrologen vorhergesagte Ära, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts beginnen und eine Zeit voller Harmonie, Verständnis, Mitgefühl und gegenseitigem Vertrauen in der Welt einläuten sollte. Unser Festival sollte ein Ort sein, an dem Menschen zusammenkamen und den Anbruch dieses neuen Zeitalters feiern konnten.“ Seldon dagegen: „Astrologists wondered why the producers had not charted the stars for the occasion; the Woodstock producers consulted astrologers before selecting the dates. On Saturday, December 6, the moon was in scorpio – the forecast was heavy days, evil tidings, acts of violence. From the beginning, there was blood on the ground.“ Marty Balin sah in Woodstock Sterne, wenn er nach oben blickte, in Altamont, bevor er zu Boden ging.

Über weitere Vorzeichen hat die Zeit gerichtet. Im 2009 erschienenen Woodstock-Band preist Lang die aktuelle Amtseinführung Barack Obamas als „Washingtons Woodstock“. Die 2019 erschienene Übersetzung schließt mit: „Anmerkung des deutschen Herausgebers: Dieses euphorische Fazit wurde vor 10 Jahren gezogen. Heute würde es völlig anders ausfallen: Seit 2017 ist... (vom Rezensenten zensiert) der Präsident der Vereinigten Staaten.“

Das Ganze ist das Unwahre. (Adorno)
Ein Hoffnungsschimmer dagegen ist in der Struktur der beiden Werke zu erkennen. Während das schwarze Loch des Negativüberhangs in Altamont sämtliche Ereignisse der Vor- und Nachgeschichte in sich einsaugt, strahlt der Woodstock-Mythos auch in und auf einzelne Episoden. Eine der schönsten: Michael Lang kurvt durch die Gegend. Autofahren kann er ja – und trifft zufällig auf Stephen Stills, der ihn zu sich einlädt, ihm einen neuen Song vorzuspielen, komponiert von Joni Mitchell, die ebensowenig in Woodstock war wie –Achtung – Joel Seldon in Altamont.

Dann kann auch nachträgliche Teil-habe zur Wahrheit beitragen. (Rüb)

Bewundern wir eine großartige Recherchearbeit und freuen uns mit Lang, der Woodstock erdachte, plante, organisierte, koordinierte, leitete, aufräumte und zwei Monate danach – „Woodstock“ hörte.

Falls das „Aquarian Age“ weiter auf sich warten läßt und das wahre Ganze sich partout nicht einstellen will – im gelungenen, erfüllten Augenblick entfaltet sich das ganze Wahre.

Rezension: Frank Rüb