David Hepworth: Abbey Road NW8
David Hepworth – Abbey Road NW8. Die Geschichte des berühmtestes Musikstudios der Welt
Hannibal Verlag
€ 30,-
Begeben Sie sich auf die andere Straßenseite. Benutzen Sie dazu den Zebrastreifen. Schauen Sie geradeaus. Gehen Sie in einer Vierergruppe. Und wenn Ihre Schuhe verschmutzt sein sollten, laufen Sie bitte barfuß, dann dürfen Sie zum Ausgleich rauchen. Die Monopoly-Spieler unter den Lesern mögen testen, ob sie den korrekten Wortlaut der persiflierteren Ereigniskarte im Gedächtnis parat haben. Selbstverständlich beginnt auch der Autor David Hepworth sein Werk mit einem – nach eher bescheidenem Vorwort – „Intro“ der gelungenen Sorte über die vor dem geistigen Auge auftauchende Szene, wenn das Stichwort „Abbey Road“ fällt. Und zwar mit einem schönen Kontrapunkt zu meinem Anfang: „Es ist zudem der einzige Zebrastreifen, an dem die Leute Schlange stehen, um ihn zu überqueren.“ Für nüchterne Menschen sowie für Dogmatiker und Fanatiker, denen Atmosphäre, säkularisierter Kult und Vergangenheitsbeschwörung suspekt sind, hat er einen Hinweis der Extraklasse parat: „Und um mal ehrlich zu sein: Religionen wurden auf deutlich wackligeren Fundamenten erbaut.“ Imagine…
Jetzt aber nichts wie ab ins Studio. Die Anfänge nach der Eröffnung sind holprig, leider auch der Text selbst – seltsame Kommasetzung, unsauberer Ausdruck, ein völlig unverständlicher Satz auf Seite 49, die Musik „erscheint“ näher zu rücken, etwas ist „von vorne heraus“ klar und Operndiven sind „in luftabschneidende Korsetts eingezwängte ,Schreckschrauben‘“. Eine gewisse Unübersichtlichkeit in der Erzählung, die sich parallel mit der ersten Kritik ab Kapitel 4 erfreulicherweise verflüchtigt, fällt angesichts großartiger Anekdoten und hochinteressanter Entwicklungen von vorne herein (sic!) kaum ins Gewicht. Da wäre die erste Einspielung Beethovens sämtlicher Klaviersonaten unter Arthur Schnabel, der zur Erholung in den Pausen sich an Chaplin-Imitationen des Aufnahmeleiters Fred Gaisberg ergötzen darf, während dessen Nichte ihm bei der Arbeit die Notenhefte umblättert. Solcher Service lockt schnell Prominenz vom Schlage eines Elgar, Menuhin, Prokofiew und Strawinsky an und wird von frühen technischen Neuerungen flankiert. Neben der „Jupiter“-Sinfonie in Stereotechnik bereits 1934 stehen Errungenschaften, Erfindungen und Repertoire-Erweiterungen wie die Induktionsspule, das Abbilden des ganzen Frequenzspektrums durch das Mikrofon sowie dessen Entdeckung als Phallussymbol und die Einrichtung zweier Studios für Tanzbands und kleine Ensembles neben dem noch unangefochtenen, Orchestern vorbehaltenen, Studio Eins.
Die Zeiten werden mehr als rauh, man verwirft schnell die Haltung, „daß die Invasion von Polen das eine ist, aber die angsteinflößende Bedrohung der Absage eines Cricket-Testspiels im Trent-Bridge-Stadion dann doch zu weit ginge“, und rüstet (sich). Unter Wahrung typischen Nationalcharakters von Coolness („keep calm and carry on“) bis Ironie („Could you please oblige us with a bren gun“ – Aufforderung an die Regierung, den Heimatschutz aufzuwerten) und persönlichem Einsatz (Der Sänger George Formby ist wirkmächtiger mit „Thanks Mr. Roosevelt“ als US-Hitler-Sympathisant Charles Lindbergh mit der (gesprochenen) Replik „Die Hilfe für die Briten ist sinnlos“) werden Herstellungschwierigkeiten durch Rationierung von Benzin und Öl, menschliche Verluste durch deutsche Bomben mit musikalisch-antifaschistischem Patriotismus bewältigt: „There’ll always be an England.“
Und wenn’s der Klangqualität dient, ist man auch nicht nachtragend. Nach dem Krieg bedienen sich die westlichen Siegermächte gerne an den fortschrittlichen AEG-Magnetbändern made in Third Reich und auch sonst geht es nun, pardon, „Blitz“-schnell.
Mischpulte, Mehrspurmaschinen und Schneidetechniken sind das Eine, sich etablierende Single-Charts, junge Musiker, junge Plattenkäufer und junge Stilrichtungen das Andere. Die Neue Welt ist zunächst fixer und wagemutiger, Columbia produziert in den Staaten die erste LP mit vier Jahren Vorsprung vor der in der Abbey Road tätigen EMI. Trotz „hochgezogener Augenbrauen“ bezüglich Rock’n’Roll und eines Hanges zur Gemächlichkeit holt Großbritannien auf – mit der Vorstufe Cliff Richard, Skiffle und seinen Folgen sowie einer überdurchschnittlichen Toleranz von und für fähige Individuen. Ein gewisser George Martin, Gentleman durch und durch, nimmt Comedy-Alben auf mit Geräuschkulissen, die auf ein gelbes U-Boot vorausdeuten und holt sich 1958 in Gesellschaft des offen schwulen Peter Bown bei einer USA-Reise Nachhilfeunterricht. Der führt zur umgehenden Versetzung auf die höhere Schule namens Sechziger Jahre, die noch auf die geeigneten Schüler wartet. Es ist angerichtet, sie sind von der englischen Westküste her unterwegs, der Verfasser bietet bestes Material für ausufernde Debatten über das Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit und hat noch ein retardierendes Moment parat.
Auftritt Hazel Yarwood. Eine Frau. Im Studio. Begnadete Fähigkeiten im Schneideraum. Und beim Probehören: Telefonstecker raus, keine Störungen aus keiner Hierarchierichtung erlaubt. Wie beim Rezensenten, wenn er Musik hört. Weitere Hintergrund-Mitarbeiter kommen in den wohlverdienten Vordergrund. Auftritt Ken Townsend. Begnadeter Vermittler in der Studio-Klassengesellschaft. Und mit dem Lötkolben kann er umgehen. Nun klingt’s richtig. Die vier Herren mit dem seltsamen Liverpooler Akzent und dem rotzfrechen Charme (George H. zu George M.: „mir gefällt deine Krawatte nicht“) erhalten ihren Plattenvertrag – selbstredend von George M.
Was folgt, wurde x-mal erzählt und wer es (x-1)-mal gelesen hat, darf es zum x-ten Male genießen. Auch der Autor ist auf dem Gipfel seiner Kunst: Das tibetische Totenbuch liegt neben dem Handbuch der praktischen Elektrotechnik (gibt es das so auch beim Dalai Lama?); ein Problem, für dessen Lösung vor drei Jahren jemandem ein „kleiner Trick“ mit geringem Finanzaufwand eingefallen wäre, wird im großen Maßstab angegangen („John entschied sich für ein Symphonieorchester.“) und die Klassen-/Klassikgesellschaft lässt sich vom Zeitgeist nun überhaupt nicht beeindrucken – der Piccolo-Trompeter David Mason kommt, spielt, geht nach einer perfekten Musizierminute, Paul wünscht noch einen Take, aber „Mason verstaute seine musikalische Waffe und schritt erhobenen Hauptes aus dem Studio“, Punktsieg für „never surrender“ gegen „lay down your thought surrender to the void“.
Strategisch hervorragend platziert ist in der Mitte des Beatles-Parts ein Hollies-Kapitel. Deren George Martin hieß Ron Richards und teilte mit der von ihm betreuten Gruppe die, wie Hepworth es nennt, „Laß-uns-die-Arbeit-schnell-hinter-und-bringen-und-dann-schnell-in-den-Pub“-Mentalität, was zurückschauenden Beteiligten die Gelegenheit bietet, die „Schönheit des Limits“ gegenüber einer sich einstellenden „Optionen-Paralyse“ zu preisen. Zeugnisse von letzterer geben die Abschnitte über Pink Floyd und Alan Parsons. Diese sind in den Tagen der Knappheit des Luxus vermerkt auf einer abgebildeten Liste mit Mellotron-Leihwünschen, jener verwaltet die immer üppiger werdenden Geräusche-Requisiten und hat als blutjunger Anfänger einen hochwichtigen Scherenschnitt-Auftritt bei der Aufnahme der Platte, die genauso heißt wie das Studio.
Damit sind dann auch die Dekadenz-Requisiten beisammen für die glitzernden Achtziger. Tina Turner, Präsenzkünstlerin ganz und gar, fragt angesichts alleiniger Anwesenheit erstaunt: „Wo ist denn die Band?”, Paul Simon bereist dagegen auf der Suche nach dem perfekten Klang drei Kontinente – von wegen Homeward Bound. Drei Zitate fassen Neoliberalismus und Digitalisierung kongenial zusammen: „Man kann auch zu viele Möglichkeiten haben”; „Nun regierte die Distribution und nicht mehr der Inhalt den Markt”; „Das Gold lag in der Vergangenheit begraben”.
Die Haltung des Verfassers bleibt erfreulich in der Schwebe. Ein ironisch-distanzierter Unterton zu sämtlichen Entwicklungen seit dem CD- und Sampling-Zeitalter steht neben souveränem, ohne einen Hauch Zugeneigtheit schwer denkbarem Kenntnisstand. Nicht zu leugnen ist aber die Abnahme des Erzählenswerten und selbiges ist bezeichnend: Die Würdigung des Gralshüters und Nachlass-Verwalters Ken Towsend, eine nette Oasis-Geschichte, die davon berichtet, dass Ärger dräut, weil die Jungs im Studio zu laut sind und zwar beim Beatles-Hören und eine letzte Story zum Ende – ein Rückblick auf eine Anekdote aus den Sechzigern…
Dorthin gehen wir jetzt ebenso zurück, zum vielleicht schönsten Kapitel des Werkes. Es handelt von den Dirigenten Karajan und Klemperer, dem Dirigenten und Pianisten Barenboim und der Cellistin Jacqueline du Pré, letztere beiden die Klassik-Glamour-Paar-Variante zu Paul McCartney/Jane Asher. Soweit die Nebenfiguren. Auftritt Suvi Raj Grubb. Ein Inder. Im Studio. Begnadeter Techniker. Karajan, bekanntlich gleich zwei Mal in die NSDAP eingetreten und entsprechend mit doppelt langem Weg nach draußen, fragt bei seinem Anblick: „Wer ist der schwarze Mann da drüben?“. Der vor den Nazis geflohene Klemperer erhält Dank Grubbs Innovationen Kritiken so leise, dass das Orchester die Zurechtweisungen des Maestro nicht bemerkt. Bei diversen Sängerinnen kennt er den Menstruationszyklus und weiß, dass das Erreichen des hohen C an solchen Tagen aussichtslos ist. Und bei einer völlig rätselhaften Situation mit Barenboim/du Pré ist er ganz Ohr und hat den Bogen ’raus, zu schön, um mehr zu verraten.
Letzter Schwenk zu David Hepworth, der einerseits verrät, dass Hazel Yarwood auf Dark Side of the Moon stimmlich verewigt wurde (Sprecherrolle bei „On the Run“), andererseits im weiteren Text noch despektierlich eine „Tippse“ unterbringt. Kurioserweise sei angemerkt, dass im Anhang zunächst die Abbey-Road-Studios ausführlich dem Autoren danken statt umgekehrt und dass er im letzten Absatz auf den Zebrastreifen zurückkommt. Und auch wir gehen nochmal auf Los – ohne 4000 Mark zu fordern. Um das unbestechliche Urteil des Rezensenten zu veranschaulichen sei erwähnt, dass ich zwischen Buchkektüre und Textverfassen drei Monate Pause einlegte, mich kurz meiner Notizen und ihrer Stichhaltigkeit fürs Schreiben vergewisserte und nach flüchtigem Blick auf das dort nicht vermerkte Vorwort diesen das Attribut „bescheiden“ beimaß – nun, es ist von Paul McCartney (das ist der mit den schmutzigen Schuhen). Zu aufrichtig, um nachträglich etwas abzuändern. Stattdessen noch ein Gag, der dem Verfasser entging: Hepworth meint in zu weit gehendem britischen Understatement, ein Genehmigungsantrag für eine auch nur zentimeterweise Verlegung des Zebrastreifens müsse vor das House of Commons. Oh, boy! Everybody’s really sure that it must be the House of Lords!
Rezension von Frank Rüb
